Wieso gehen wir auf den Jakobsweg?

 

Während sich die Menschen früher wohl ausschliesslich aus religiösen Gründen auf die verschiedenen Jakobswege begaben, um sich damit von ihren Lebenssünden zu befreien, sind die Beweggründe für diese Fernwanderungen mit dem gemeinsamen Ziel Santiago de Compostela heute vielfältiger Natur. Religiös motivierte Wanderer bilden wohl heute noch die Mehrheit. Daneben gibt es aber auch Leute, die die Sinnfrage, die Selbstfindung oder die körperliche Herausforderung in den Mittelpunkt stellen. Wieder andere suchen gar die Erleuchtung oder Antworten und Lösungen für schwierige Lebenssituationen und so weiter und so fort. Von ledigen und katholischen brasilianischen Frauen, von denen es vor allem auf den letzten 100 km viele geben soll, sagt man und das ist kein Witz, dass sie von ihren frommen Eltern oft auf den Jakobsweg geschickt werden, um einen gläubigen Ehemann zu finden.

 

Wir erfüllen uns mit dem Jakobsweg ganz einfach einen gemeinsamen Wunsch, der sich vor vielen Jahren mit der Lektüre des Bestsellers „Auf dem Jakobsweg“ von Paulo Coelho, in unseren Herzen festgesetzt hat.  Mit dem Schritt ins Rentenalter ist nun der ideale Zeitpunkt gekommen, um unseren gemeinsamen Herzenswunsch zu realisieren.

 

Für uns stehen das Abenteuer, das Unberechenbare und die grosse Herausforderung im Mittelpunkt. Unsere Motivation ist aber vielfältig. Zum einen freuen wir uns auf viel Neues, auf neue Erkenntnisse, neue Erfahrungen und neue Bekanntschaften. Gespannt sind wir auch auf die Erfahrung, dass sich unser Leben vom Standard her mal eine Zeitlang auf das Notwendigste reduzieren wird. Einfachheit und Bescheidenheit werden wir wohl zwingend erfahren, denn in unseren Rucksäcken, die beim Probepacken zwischen 6 und 7 kg wogen, hat wirklich nur das Allernötigste Platz. Dankbarkeit ist bestimmt unser grösster Antrieb, denn obwohl auch wir Höhen und Tiefen durchschritten, standen wir grossmehrheitlich doch stets auf der Sonnenseite des Lebens, was alles andere als selbstverständlich ist. Wir genossen das grosse Privileg, von schweren Krankheiten, von Hunger, Krieg und Vertreibung verschont zu bleiben und in einem zivilisierten und schönen Land geboren und aufgewachsen zu sein, das uns sämtliche Bildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten offenbarte! Dankbar sind wir aber auch für die wenigen Tiefschläge, denn sie haben unsere Beziehung gefestigt, uns reifenlassen und weitergebracht. Dankbar sind wir auch dafür, dass wir uns noch fit genug fühlen, um diese elend lange Wanderung, vor der wir allergrössten Respekt haben, durchzustehen.

 

Unsere Lieben werden wir auf unserem Weg wohl schnell einmal vermissen. Zum Glück gibt’s Skype, wo man sich ab und zu mal sehen und hören kann. Deshalb packen wir auch unser iPhone ein. Die News-Apps werden wir vor dem Start aber ganz bewusst löschen, denn wir möchten einmal fernab vom Weltgeschehen einfach eine Zeitlang nur unsere Ruhe haben und uns, unseren Weg, die Natur und das Hier und Jetzt geniessen.

 

                                                       

„Es gibt keinen Weg zum Glück. Glücklich-Sein ist der Weg“

 

Mit dieser Weisheit von Buddha sehen wir unserem Weg voller Zuversicht und mit grosser Freude entgegen. Die Spannung steigt, am 11. April geht’s los!